Lesefreundlich oder gendergerecht?

„Rundschreiben der Geschäftsführung an alle Mitarbeiter“: Ist das politisch korrekt formuliert? Sollen sich weibliche Mitarbeiter(innen!) automatisch mit angesprochen fühlen oder sind sie diskriminiert, wenn sie nicht ausdrücklich erwähnt werden? – Vor allem öffentlich-rechtliche Institutionen nehmen die sprachliche Gleichstellung sehr ernst. Wie sieht das in Ihrem Betrieb aus?

Sollen Frauen und Männer im obigen Rundschreiben sprachlich gleichberechtigt behandelt werden, müsste die Überschrift lauten: „Rundschreiben der Geschäftsführung an alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter“ (die Reihenfolge kann auch umgekehrt sein). Um die Frage einer geschlechtergerechten Sprache haben sich Gleichstellungsbeauftragte und Genderexpert/ innen in den letzten Jahren viele Gedanken gemacht. Aber auch Sprachwissenschaftler/ innen melden sich zu Wort. Letztendlich geht es darum, in einer Organisation den Spagat zwischen einer gendergerechten und einer eleganten Sprache zu schaffen.

Varianten sprachlicher Praxis

In der Praxis gerät ein Text oft zu lang, wenn die weibliche wie auch die männliche Form konsequent ausgeschrieben werden. In behördlichen Publikationen, Statuten oder Verträgen finden Sie deshalb oft folgende Fußnote: „Der Einfachheit halber (oder: zur besseren Lesbarkeit) wird in diesem Schreiben nur die männliche Form verwendet. Die weibliche Form ist selbstverständlich immer mit eingeschlossen.“

Zwischen dem Grundsatz, sowohl die männliche wie die weibliche Form immer auszuschreiben, und der Fußnoten- Variante können Sie als Alternative unterschiedliche Kurzformen wählen, von denen aber keine zu hundert Prozent befriedigt. Eine Seite kommt immer zu kurz – sei es die Sprache oder die Gleichberechtigung. Es gilt, je nach Kontext die angemessene Lösung zu wählen. Sie können zwischen folgenden Kurzformen wählen:

  • Die neutrale Form: Mitarbeitende, Teilnehmende, Studierende, Lesende
  • Kurzform mit Schrägstrich: Mitarbeiter/ innen, Teilnehmer/innen, Student/ innen, Leser/innen
  • Kurzform mit Klammern: Mitarbeiter (innen), Teilnehmer(innen), Student (inn)en, Leser(innen) 
  • Kurzform mit „Binnen-I“: MitarbeiterInnen, TeilnehmerInnen, StudentInnen, LeserInnen

Doch sind diese Vorschläge wirklich „schöner“? – Das Problem mit der geschlechtsneutralen Form (Mitarbeitende) ist, dass es sich um Wortkonstruktionen handelt, die nicht im Sprachgebrauch verankert sind. In der gesprochenen Sprache würden wir sie nie verwenden. Auf der anderen Seite ist Sprache wandelbar. Wir können uns an neue Ausdrücke gewöhnen. Dreißig Jahre Sprachfeminismus haben immerhin erreicht, dass das Wort „Fräulein“ aus dem deutschen Sprachgebrauch verschwunden ist… (auch wenn es neuerdings wieder trendy ist). – Die Kurzformen sind zwar eleganz, aber in der direkten Ansprache tabu. Wer fühlt sich schon persönlich angesprochen oder besonders wertgeschätzt, wenn er/sie mit „Liebe/r Mitarbeiter/in“ oder „Liebe Mitarbeiter(innen)“ angesprochen wird?

Keine Patentlösung

Die perfekte Lösung gibt es also nicht. Höchstens Empfehlungen. Was wir Ihnen aber unbedingt ans Herz legen möchten: Nehmen Sie die Diskussion um die geschlechtergerechte Schreibweise im Unternehmen auf und einigen Sie sich intern auf eine kontextbezogene einheitliche Schreibweise. Für welche Variante Sie sich entscheiden, ist abhängig von der Unternehmenskultur und sicher auch der Branche.

Empfehlungen

Als Anregung für Ihre Diskussion finden Sie hier ein paar Empfehlungen, die den Leitfäden verschiedener Institutionen entnommen sind:

  1. Frauen und Männer werden in Worten, Texten und Bildern als eigenständige, gleichberechtigte und gleichwertige Personen sichtbar gemacht.
  2. Frauen werden immer mit femininen, Männer mit maskulinen Personenbezeichnungen benannt. Bei gemischten Gruppen kommen Doppelformen oder neutrale Bezeichnungen zur Anwendung. 
  3. Für die Verwendung von Kurzformen ist die Art des Textes ausschlaggebend; sie werden nur bei Platzknappheit und in informellen Texten eingesetzt. 
  4. Im Zweifelsfall hat die Gleichstellung Vorrang. Je öfter wir bislang ungewohnte Bezeichnungen verwenden, desto alltäglicher werden sie. 
  5. Vermeiden Sie schwerfällige Formulierungen durch Umstellen des Satzes: „Wer Teilzeit arbeitet“ statt „Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die Teilzeit arbeiten“.
  6. Führen Sie Frauen und Männer in Listen oder Personenverzeichnissen gleichwertig an. Wenn den Leserinnen und Lesern nicht alle Personen bekannt sind, sollte mindestens ein Merkmal auf das Geschlecht der Person hinweisen, sei es der Name, der Titel oder der Zusatz „Frau“ bzw. „Herr“. 
  7. Vermeiden Sie die männliche Form in zusammengesetzten Wörtern (s. Kasten auf Seite 12).

Gendergerechte Sprache

Halten Sie sich bei Ihren Überlegungen vor allem an folgende Devise: Wichtig ist nicht primär, was gesagt wird, sondern wie es beim Publikum ankommt.

Mein persönliches Rezept ist folgendes: Ein wertschätzender Tonfall und ein guter Sprachfluss machen vieles wett und sind manchmal holprigen Sprachkonstrukten vorzuziehen.


Praxis-Tipp


So vermeiden Sie die männliche Form!

  • „benutzungsfreundlich“ oder „einfach zu bedienen“ (statt „benutzerfreundlich“)
  • „Bedienungshandbuch“ (statt „Benutzerhandbuch“)
  • „Zufriedenheit der Kundschaft“ (statt „Kundenzufriedenheit“)
  • als Überschrift „Teilnehmerinnen und Teilnehmer“ (statt „Teilnehmerliste“)
  • „Team“ (statt „Mannschaft“)
  • „Personenjahre“ (statt „Mannjahre“)
  • „Schlüsselperson“ (statt „Entscheidungsträger“)
  • „Ansprechperson“ (statt „Ansprechpartner“)
  • „Einstiegskurs“ (statt „Anfängerkurs“)
  • „Beurteilungsgespräch“ (statt „Mitarbeitergespräch“)
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