Führen von unten – Cheffing

Zugegeben, als ich den Begriff „Cheffing“ zum ersten Mal las, konnte ich nichts damit anfangen, und ich vermute, liebe Leserin, Ihnen geht es jetzt genauso. – Oder?

Vor allem Führungskräfte im mittleren Management sind es nicht gewohnt, dass sie auf einmal eineAssistentin haben, die sie bei ihren Aufgaben unterstützt. Bisher mussten sie sich selbst organisieren und alles eigenhändig erledigen. Delegieren und Verantwortung abgeben müssen sie erst lernen.

Ein Chef, der nicht delegiert

Einen solchen Vorgesetzten hatte ich zum Glück zu Beginn meiner Tätigkeit als Sekretärin vor über zwanzig Jahren. Er arbeitete sehr viel, konnte aber keine Aufgaben abgeben. Ich war unterfordert, hatte keine Herausforderungen und arbeitete nur meine täglichen Routinen ab. Meine Motivation sank von Tag zu Tag. Das einzige, was ich aus meiner Sicht tun konnte, war, ihm immer wieder und wieder anzubieten, ihn zu entlasten. Dennoch gab er weiterhin keine Aufgaben ab. Hatte er kein Vertrauen zu mir?

Die Rettung kam zwei Monate später. Er übernahm zusätzlich die Leitung für ein unternehmensweites Projekt. Nach einer Woche stand er bereits so unter Druck, dass wir kaum noch kommunizierten, er nur noch Überstunden machte und jeden Abend erst gegen 22 Uhr das Büro verließ. An einem Freitagnachmittag sprach ich ihn auf diese Situation an. Dabei erneuerte ich nochmals mein Angebot, dass ich ihn gerne mehr unterstützen möchte und Aufgaben übernehmen kann. Am Montag kam er auf mich zu und hatte eine lange To-do-Liste für mich. Gemeinsam legten wir die Prioritäten und Deadlines fest, bis wann er welche Informationen benötigte.

Die Ärmel hochkrempeln und los!

Endlich konnte ich mich mit meinen Erfahrungen innovativ und ideenreich einbringen und meinen Chef wirkungsvoll entlasten. Ich war mit meiner Leistung äußerst zufrieden. Zum Feierabend gab ich ihm noch meine Rückmeldung zum Status der Aufgaben. Mit der Zeit wuchs sein Vertrauen. Das neue Aufgabenfeld gestaltete sich endlich anspruchsvoll. Wir funktionierten als Team hervorragend.

Er hatte verstanden, dass ich ihn unterstütze und war dankbar angesichts der neuen Situation. Jeden Tag verließ er nun gegen 18 Uhr sein Büro und hatte Zeit, sich seiner Work-Life-Balance zu widmen. Unsere Gesamtstimmung war hochmotiviert und wir meisterten die täglichen Herausforderungen gemeinsam und souverän. Zugegeben, es kam der Zufall zu Hilfe – aber mein zielgerichtetes Handeln trug sicherlich dazu bei, dass wir viele Jahre Seite an Seite als Team funktionierten.

Die 4M-Methode: Man muss Menschen mögen

Ich hatte das große Glück, sehr früh lernen zu dürfen, dass ich mit der „4MMethode“ (Man muss Menschen mögen) die Basis zum „Cheffing – führen von unten“ gelegt hatte. Selbst nach vielen Jahren Berufspraxis profitiere ich heute noch davon.


Die Autorin: Kerstin Uebler ist nach über 25 Jahren Sekretariatserfahrung Sekretärin der Geschäftsleitung des IT-Unternehmens DATEV eG.

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