Bremsen Sie „Gedankenleser“ im Ansatz aus

Wie geht es Ihnen, wenn Ihr sonst freundlicher Kollege Sie einmal nicht sofort grüßt – und wenn dann nur mit einem abwesenden Blick? Unter Umständen beginnen Sie zu überlegen, was „Sie wohl in den vergangenen Tagen falsch gemacht haben“.

Mit anderen Worten: Sie versuchen zu verstehen, was der andere gerade denkt. Das ist durchaus eine übliche Vorgehensweise, die uns im Laufe der Evolutionsgeschichte mitgegeben wurde. Schließlich konnten unsere Vorfahren zu früheren Zeiten nicht automatisch davon ausgehen, dass ihr Gegenüber friedlich gesinnt ist. Daher lernten die Menschen, die Mimik und Gestik anderer einzuschätzen.

Auch wenn es uns heutzutage nicht mehr so bewusst ist – wir praktizieren das „Gedankenlesen“ auch heute noch, um das Handeln anderer einzuschätzen! Als Basis dafür dienen uns

  • zum einen unsere Beobachtungen,
  • zum anderen unsere Erfahrungen mit der betreffenden Person und
  • drittens unsere Gefühle und Intuitionen.

Schließlich möchten wir frühzeitig mögliche Absichten oder Meinungen unserer Gegenüber erkennen, um …

  • angemessen darauf reagieren zu können und
  • nicht durch falsche Äußerungen in ein „Fettnäpfchen zu treten“.

Das Problem: Ziehen wir die falschen Schlüsse daraus bzw. interpretieren wir das Gesehene oder Gehörte falsch, führt dies schnell zu Missverständnissen und zu Konflikten.

PRAXIS-FALL: Heute Morgen ist bei Silke Schneider alles schief gegangen, was nur möglich war: Erst ist sie zu spät erwacht. Dann klagte ihre Tochter über Halsschmerzen, sodass sie kurzfristig ihre Mutter um Betreuungshilfe bitten musste. Und dann sprang auch noch ihr Auto nicht an. In höchster Eile kam sie daher ins Büro gehetzt. Im Türrahmen stand ihre Kollegin Gisela Kuhn, mit der sie einen Termin vereinbart hatte. Als Silke Schneider nur ein kurzes „Guten Morgen“ durch die Lippen presst, meint Gisela Kuhn: „Passt Dir unser Termin nicht? Dann ruf mich an, wenn Du Zeit für mich hast“ – und zischt beleidigt ab.

Bei Kollegen: Reden und erklären Sie

Ebenso wie Sie gehen auch Ihre Kollegen in der Regel die mentale Ablage durch, wenn Sie bestimmte Verhaltensweisen von Ihnen deuten möchten. Sie fragen sich, ob …

  • kürzlich irgendetwas vorgefallen ist, dass Sie so reagieren, wie Sie es aktuell tun?
  • sie selbst unter Umständen etwas falsch gemacht haben?

Manchmal gehen sie aber auch – wie im obigen Beispiel – sofort auf Konfrontation, weil sie Sie einfach „nur für launisch“ halten oder keine Lust haben, sich mit Ihrer Verhaltensweise auseinanderzusetzen.

Am besten wäre es daher gewesen, wenn Silke Schneider gleich zu ihrer wartenden Kollegin gesagt hätte: „Guten Morgen, Gisela. Entschuldige bitte. Ich habe einen furchtbaren Morgen hinter mir. Gib mir bitte fünf Minuten Zeit, mich zu sortieren, dann können wir über … reden.“

Geben Sie nicht nur Ihren Kollegen in den Momenten Feedback, in denen Sie das Gefühl haben, dass der andere etwas falsch auffasst. Erklären Sie vielmehr so oft wie möglich Ihre Verhaltensweisen (z. B. „Frau …, ich hatte schon einmal einen Briefvorschlag erarbeitet, damit …“/„Ich brauchte heute einfach mal Ruhe, um die Angelegenheit … durchzugehen. Daher habe ich meine Tür geschlossen.“), damit Ihr Gegenüber lernt, seine Beobachtungen richtig einzuordnen.

Externe Kontakte: Haken Sie nach

Meint ein Anrufer aus Ihrer Stimme oder ein Kunde aus Ihrem Auftreten Bestimmtes ableiten zu können (z. B. „Ich habe das Gefühl, dass Sie mir gar nicht richtig zuhören.“), dann fragen Sie ihn, woran er dies festmacht – unter Umständen beschäftigen Sie sich ja tatsächlich gerade mit noch etwas anderem. Dann kann der Hinweis Ihres Gegenübers ein hilfreicher Wink sein, nicht mehrere Dinge parallel zu machen.

Wenn er mit seiner Interpretation falsch liegt, dann geben Sie ihm dies ruhig und sachlich zu verstehen (z. B. „Ich höre Ihnen genau zu, weil ich Ihre Reklamation an die richtige Person weiterleiten möchte.“).

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